Neutraler Schweizer Dialekt

Viele verstehen da nur Bahnhof. Olten.

Bahnhofbuffet Olten Dialekt: Frölein, zahle!

Ich arbeite seit über fünfzehn Jahren als selbstständiger Sprecher. Hin und wieder wünscht sich die Kundschaft einen «neutralen Dialekt», auch bekannt als «Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt». Da es hierbei oft zu Missverständnissen kommt, schreibe ich nachfolgend ein paar klärende Informationen und Gedanken dazu auf.

 

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Die Sprache ist genauso lebendig wie die Menschheit selbst. Es gibt nicht «die Sprache», da sich diese stets verändert und sich aufgrund der modernen Kommunikationsmittel und der globalisierten Lebensweise zunehmend vermischt.

Dramatisierend ausgedrückt: Die Schweizer Dialekte sind drauf und dran zu verschwinden. Ohne dies zu werten: Es ist eine Tatsache, dass unsere Vorfahren einen «reineren» Dialekt gesprochen haben als wir.

Eine Legende besagt, dass der Bahnhof-Olten-Dialekt damals von Karen Meffert "erfunden" wurde. Es ging darum, einen möglichst "neutralen Dialekt" (was in sich ja eigentlich bereits ein Widerspruch ist) zu erschaffen, damit die in mundart geschriebenen Kinderbücher von Meffert von möglichst allen Deutschschweizer Kindern gelesen und verstanden werden könnten. Der Ausdruck «Bahnhof-Olten-Dialekt» umschreibt auch heute noch einen - wo immer möglich - für alle Deutschschweizer verständlichen Dialekt.

Wie so oft bei Legenden, treten diese im Rudel auf. Eine andere Legende besagt, dass die Formulierung auf die Gründerväter unseres Sprecherverbandes zurückgeht - doch gehen wir hier zurück zu dessen Auswirkungen.

Durch die Medialisierung des Zeitgeistes und der stetig wachsenenden Medien-Angebote haben wir über die Jahre gelernt, auch uns fremde Dialekte besser zu verstehen. Einen Fussball-Match im Fernsehen von einem Walliser kommentiert zu geniessen ist heute nichts besonderes mehr – früher wäre dies undenkbar gewesen und hätte bei allen Nicht-Wallisern einen Sturm der Entrüstung und eine Reklamations- und Lesebriefeflut ausgelöst, per Post notabene.

 

Wie klingt denn «neutral»?

Wie eingangs erwähnt ist die Formulierung «neutraler Dialekt» unsinnig, genauso wie ein «eckiges Rad» oder ein «runder Würfel». Der Dialekt umschreibt die lokale oder regionale Sprachvarietät – von "neutral" kann also nicht die Rede sein. Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt ist ein Oxymoron par excellence.

Es gibt keine Regeln, kein Wörterbuch und keine strikte einzuhaltende Aussprache des Bahnhofbuffet-Olten-Dialektes. Somit gibt es diesen eigentlich auch gar nicht.

Der Bhf-Olten-Dialekt hat ebenfalls nichts mit dem Solothurnischen Dialekt zu tun - der Begriff «Olten» wurde damals lediglich gewählt, weil dies seit jeher der Knotenpunkt der Schweizerischen Bundesbahnen SBB ist (was im Übrigen beide Legenden so überliefern).

Jegliche Versuche einer «Dialektlosigkeit» wird einem traditionellen Berner immer zu Zürcherisch, einem traditionellen Zürcher immer zu Berndeutsch sein. Es gibt auch Gebiete der Schweiz, die ausschliesslich ihren eigenen Dialekt als den einzig verständlichen und akzeptablen wahrnehmen. Dies hat jedoch meist nicht mit der "Fremdenverständlichkeit" zu tun sondern eher mit dem Kantönligeist und dem damit verbundenen Stolz auf das eigene Herkunftsgebiet.

Das vielleicht einzig Neutrale der Sprache sind die Sprechpausen zwischen den einzelnen Worten, die kurze Stille in einem schalltoten Raum.

 

Was macht eine klare Dialektzugehörigkeit aus?

Wir erkennen einen Dialekt aufgrund:

  • der Aussprache einzelner Buchstaben (Vokale sind meist die grössten Indiziengeber)
  • Einzelner Worte die für ein bestimmtes Gebiet der Schweiz typisch sind
  • Das Binden oder Weglassen von Hilfsbuchstaben zwischen den Worten (es wird ein ‚n’ zwischen zwei Worte eingebunden wenn das erste mit einem Vokal aufhört und das zweite mit einem solchen beginnt – oder dank dem Hilfs-Binde-Buchstaben "n" eben nicht)
  • Dem Tempo der Aussprache (dazu gibt es kantonale Tendenzen)
  • Der Sprachmelodie
  • Der Bildung der Aussprache (kommt die Aussprache spitz aus dem Mund, eher aus dem Rachen, nasal, etc.)

 

Nun – was heisst dies für Vertonungen für die Schweiz?

Alles halb so wild. Ich bin im Aargau aufgewachsen, meine Mutter hat ihre Wurzeln in Luzern, mein Vater in Solothurn, meine Frau im Zürcher Oberland, wo ich auch seit über fünfzehn Jahren wohne. Verstehen Sie mich?

Oft wird wenn möglich deshalb auf die deutsche Sprache ausgewichen – was manchmal jedoch schade und je nach Fall nicht möglich ist, da doch noch ein direkter Bezug zur Schweiz gewünscht ist.

Hinter einem Kundenwunsch nach einem neutralen Dialekt steht meist eine Vorstellung, wie es "auf keinen Fall klingen" soll. Es soll meist nicht zu stark "Zürchern", worauf man sich als Sprecher in einem Mittelland-Dialekt versucht. Sitzt in der Agentur oder beim Endkunden ein Aargauer im Team, wird diese Person den Bezug zu seiner Herkunft bemerken und dies vielleicht als gut oder schlecht empfinden, war doch schliesslich ein neutraler Dialekt bestellt und nicht der eigene.

Es gibt Kantonsherkünfte, die wir als ‚extremere Dialekte’ wahrnehmen. Baseldytsch, Bündner, Appenzeller und weitere aus meist eher kleineren Kantonen. Geht es also um die Anzahl Einwohner? Kann ‚neutral’ mit ‚durchschnittlich’ gleichgestellt werden? Ist am neutralsten, was von der grossen Mehrheit gebraucht wird? Gibt es denn diese grosse Mehrheit überhaupt oder lässt sich die ausschliesslich mathematisch errechnen, in Wahrheit gibt es sie jedoch gar nicht?

Die Schweiz hat eine lange Tradition zur Neutralität – was politisch manchmal schwierig umzusetzen ist, scheitert sprachlich jedoch gleich von Beginn weg:

 

Machen Sie den Test

Nehmen wir zum Dialekte-Test folgenden Satz:

Deutsch: «Jetzt machen wir einen eindeutigen Fehlersatz».

Mundart: Übersetzen Sie obigen Satz erst selbst in ihre eigene mundart.

Haben Sie? Sagen Sie den übersetzten Satz laut.

Sodeli. Nun, mit welcher der nachfolgenden Möglichkeiten stimmt ihre eigene Übersetzung am ehesten überein?

  • Jetzt mache mir en eidüütige Fëëlersatz
  • Jetz möche mer e eidüütige Fäälersatz
  • Jetz möchid mr e äidüütige Fäälersatz

Sprechen Sie das letzte ‚t’ von ‚Jetzt’ aus oder nicht? Binden sie mit einem ‚n’ wie im ersten Beispiel ‚en-eidüütige’ oder nehmen Sie keinen Hilfsbuchstaben hinzu?

Fragen Sie nun jemanden, von dem Sie glauben er oder sie hätte den selben Dialekt wie Sie selbst, wie diese Person den obigen Satz aussprechen würde.

Nun: Willkommen im Dialektsalat – denn mit grosser Warscheinlichkeit wird die von Ihnen angefragte Person kleine Details anders aussprechen als Sie.

Etwas vom menschlichsten das wir haben, ist die Sprache. Versuchen wir diese zu neutralisieren, neutralisieren wir das menschliche – und dies steht im Widerspruch überhaupt einen Sprecher zu engagieren.

Bleiben wir bei der mundart: Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt ist ein Mysterium, etwas das es irgendwie gar nicht gibt, aber eben irgendwie doch. In einer für möglichst alle Schweizer verständlichen Art ausgedrückt:

Neutraler Dialekt ist und bleibt ‚Wischiwaschi’.

Abschliessend zusammengefasst: Es gibt nicht ‚den neutralen Dialekt’, es gibt keine Regeln gewisser Wort-Aussprachen um möglichst dialektfrei zu klingen – doch es gibt ein Schweizerdeutsch mit möglichst wenig Anhaltspunkten nach genauer regionaler Herkunft – und dieses kann ich anbieten.

Und doch ist und bleibt es ‚meine Interpretation des Bahnhofbuffet-Olten-Dialektes’. Ihre wird eine andere sein – und doch verstehen wir uns.

Anders verhält es sich hier bei der Deutschen Sprache - hier gibt es klare Regeln, wie ein "neutrales" und für alle gut verständliches Bühnendeutsch klingen soll. Weiteres zur Entwirrung der Verwirrung von Deutsch und Schweizerdeutsch lesen Sie bald hier.

Nutzen Sie für Fragen gerne die Kommentar-Funktion und lassen Sie damit auch andere an unserem Austausch teilhaben und profitieren - ob in deutsch oder mundart...

Im Blog suchen nach:

Ähnliche Beiträge